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MATRIX / MOCKING ICON / LOOP
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Barbara Meyer Cesta: Spuren und Konturen
von Matthias Fischer
Barbara Meyer Cesta hat sich in ihrer künstlerischen Arbeit auf spezifische Art der visuellen Rezeption des Lebensvorgangs angenommen. Die Wahl war vom Interesse an der Notwendigkeit menschlicher Entwicklung, sich selbst erfahren zu müssen, geleitet. Bilder spielen dabei eine grundlegende Rolle. Die Künstlerin arbeitet mit dem aus der Neurologie bekannten Begriff des Priming, des Speicherns von Erfahrungen als Urbilder des Gedächtnisses.
Die Arbeit MATRIX umfasst Dutzende von kleinformatigen Zeichnungen: Häuser in immer neuen Formen und Variationen. In ihrer endlos scheinenden Reihung sind sie beeindruckend. Von weitem nicht erkennbar, realisiert man erst bei näherer Betrachtung deren exakte und feine Zeichnung. Eine eigenartige Färbung leuchtet durch das Papier. Die Farbe könnte die im Titel angesprochene Grundsubstanz, der Nährboden sein, aus dem sich die archetypischen Bild-Formen herausbilden.
In dem zur Bildreihe gewordenen Vorgang der Konzentration auf das Wesentliche liegt die Faszination der MATRIX-Blätter. Für die dafür notwendige Koordination von vorgebender Vorstellung und zeichnender Hand sind viele Vorläufe und Ubung notwendig. Schliesslich stellt sich der Gleichlauf ein und das Fliessen beginnt. So erinnert die Serie nicht von ungefähr an ein Ritual, als dessen Dokument diese puristisch und unerbittlich präzis erscheinenden Formen figurieren. Jede einzelne steht als pars pro toto, beispielhaft und universal deutbar wie ein Piktogramm.
Das Video LOOPS, auf einer opaken Glasscheibe zu sehen, zeigt als Protagonistin eine aus Umrissen kreierte Menschengestalt. Nur in der Kontur - die Fläche wie das Körperliche bleiben undefiniert erschliesst sich ein weibliches Wesen, das einen grossen runden Gegenstand mit erhobenen Händen fängt, um ihn zu verschlucken, wieder auszuspeien und hoch in die Luft zu werfen, bevor sich der Vorgang wiederholt.
Die MOCKING ICONs zeigen sich als lebensgrosse, aus Bitumenpappe geformte Schemen. Die Umrisse ähneln Heiligenfiguren, doch in ihrer Uneindeutigkeit wecken sie Assoziationen zwischen furchterregendem Menetekel und banalem Materialrest eines Handwerkers. Das Rätsel und die Ungewissheit verstärken sich durch den Titel, der auf spottende Heiligenbilder anspielt.
Die Eindrücke, die wir von den Arbeiten Barbara Meyer Cestas erhalten, sind zunächst flüchtige. Einzelne Bilder besitzen keinen Eigenwert. Sie verdichten sich aber in der Reihung und Wiederholung zunehmend. Schliesslich bleiben sie im Gedächtnis haften. Die Arbeiten haben einen Ablauf (des Lebens) zum Thema: Das Gehirn wird aus Sinneseindrücken aus der Umwelt geformt und entwickelt daraus das Gedächtnis. Die darin gelagerten abstrakten Urformen fügen sich zu abrufbaren Bildern, die uns schliesslich die Kommunikation mit der Umwelt ermöglichen.
Die Künstlerin geht wissenschaftlich-ordnend vor, hinterfragt die Bilder der Welt zeichnend und mit unerbittlicher Präzision. Sie setzt ihre Abstraktionen ein, um den Vorgang der Wahrnehmung Gestalt werden zu lassen. Sie treibt ihn in akribischer Arbeit bis zu dem Punkt, wo er mit dem Werk wieder eins wird: Ziel und Ausgangspunkt fallen zusammen.
Der Betrachter ihrer Arbeiten wird neugierig. Unbehagen angesichts der manisch wirkenden Konsequenz und Faszination ob des spielerisch leichten Ausdrucks liegen dicht beieinander. Beides ist auch Bestandteil menschlichen Lebens im Allgemeinen, geprägt von Repetition, Emsigkeit, Variation, scheinbarer Endlosigkeit und von ungelösten Fragen. Homo faber und Sysiphus sind nur undeutlich definiert, aber omnipräsent.
Berner Kunstmitteilungen Nr.322
Nov/Dez 1999
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