NEAR MISS

Holz, MDF, Autolack, Filzstift; Fuss: 140 x 47 cm, h: 110 cm

> Intervention 18791252004 Kunstmuseum Bern 2004
«Bernische Künstlerinnen und Künstler ersetzen ein Werk aus der Sammlung durch ein eigenes Werk»

Aus dem Katalog:

Das Werk „Near Miss“ von Barbara Meyer Cesta ist eine Vergrösserung der Metalltafel, welche jeder Rotarier auf seinem Pult stehen hat. Darin eingraviert ist die sogenannte 4-Fragen-Probe:

1. Ist es WAHR?
2. Ist es GERECHT gegenüber allen Beteiligten?
3. Wird es FREUNDSCHAFT und GUTEN WILLEN fördern?
4. Wird es für alle Beteiligten VORTEILHAFT sein?

Die Rotarier sind überzeugt, dass man glücklicher und erfolgreicher wird, wenn man es sich zur Gewohnheit macht, jeden Gedanken, jedes Wort und jede Tat mittels der 4-Fragen-Probe zu prüfen.

Auch die Kebes-Tafel, welche Barbara Meyer Cesta durch ihr Werk ersetzt, zeigt dem Menschen den richtigen Weg durch das Leben. Als Schriftquelle für dieses Gemälde diente ein anonymer, im ersten Jahrhundert nach Christus auf Griechisch verfasster Text über die gute und die schlechte Lebensführung. Die Schrift ist in Form einer Ekphrasis verfasst, d.h. als rhetorische und poetische Beschreibung eines Tafelgemäldes. Ein Greis erklärt dem Betrachter der Tafel den Sinn des Dargestellten, warnt ihn jedoch zuvor mit folgenden Worten: „Die, welche den Sinn der Tafel verstünden, müssten kluge und selige Menschen werden, und die anderen, welche sie nicht begriffen, unwissende und unglückliche.“
Am Anfang des langen Lebensweges weist der Genius den unschuldigen Kindern die rechte Lebensführung. Doch kaum sind sie durch das Tor des Lebens (Vitae Introitus) getreten, begegnen sie der Verführung (Seductio), den Trieben, der Begierde (Cupiditates), den Wollüsten (Voluptates) und der Fortuna. Lassen sie sich verführen, stürzen sie ins Verderben. Machen sie sich in Begleitung der Meinungen (Opiniones) und des Strebens (Appetentia) auf den rechten und steilen Weg des Heils und der wahren Bildung, gelangen Sie in den zweiten inneren Kreis. Auch hier werden die Menschen auf die Probe gestellt. Falsche Bildung (Fucata Eruditio), Scheinweisheit, Unbescheidenheit und andere Laster versuchen den Menschen ins Verderben zu treiben. Erst wenn der Mensch bereit ist, dem Streben nach der wahren Bildung zu folgen, entledigt er sich des Irrtums.
Der einsame, steile und steinige Weg zu den Höhen der wahren Bildung führt durch das noch kleinere Tor des dritten Lebenskreises.
Weil es keinen gesicherten Weg zur wahren Bildung gibt, müssen Selbstbeherrschung (Continentia) und Geduld (Tolerantia), dem Wanderer unter die Arme greifen und ihn zu sich hinaufziehen. Er trifft auf Kraft (Fortitudo) und Vertrauen (Fiducia), die ihm helfen, das letzte Stück zu bezwingen. Am Ziel seiner Lebensreise angelangt, trifft er auf die wahre Bildung (Syncera Eruditio) mit ihren Töchtern der Wahrheit (Veritas) und Überzeugung (Persuasio). Einsicht und Wissenschaft (scientia) und deren Schwestern (weitere Tugenden) begleiten den Menschen zur thronenden Mutter, dem Heil (Salus), welche ihn im vierten, höchsten und innersten Kreis erwartet.
Der Greis betont, dass der Mensch, mit Hilfe der wahren Bildung, sein Schicksal selber meistern müsse, um gut und selig zu leben. Diese Lehre der Tabula solle man sich immer wieder verinnerlichen, bis sie zur Gewohnheit werde.

Sowohl das Gemälde und der Text als auch die Metalltafel der Rotarier dienen dem Menschen als vergegenwärtigendes Mittel zur guten Lebensführung.


Für mehr Informationen zur Kebes-Tafel siehe: Tristan Wedding, „Die Tabula Cebetis und Hendrick Goltzius‘ Italienreise“, in: Zeitmaschine. Oder: Das Museum in Bewegung, p. 131-145.

Fabienne Eggelhöfer

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KUNSTMUSEUM BERN

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