In meinem letzten Studienjahr an der HdK Bern, 1998, begann ich die Performance «ich schreibe das Buch der Wahrheit», einer installativen, performativen Arbeit, bei der ich selber Teil des Werkes bin. Ich wollte mich in einer installativen Anordnung als Akteurin dem Publikum direkt aussetzen und damit überprüfen, wie ein befremdlich konzipiertes Kunstwerk das Publikum anlocken und herausfordern kann, und inwiefern ich selber dieser Situation gewachsen bin und daran wachse.
Die Installation besteht aus einem kleinen Pult aus der Zeit, in der ich die Primarschule besuchte. Auf dem Pult steht eine Hermes-Schreibmaschine, die der Generation nach mir fremd, der Generation vor mir vertaut ist. Eingespannt ist kein Papier, sondern ein rot-weisses Plastikabsperrband von einer 500m Rolle, die davor auf dem Tisch liegt. Ich sitze am Pult. Neben mir habe ich eine stockfleckige Luther-Bibel aus dem Jahr 1889 in altdeutscher Schrift gedruckt als Vorlage. Ich schreibe den Text Buchstabe um Buchstabe auf das Band ab. Da Plastik keine Tinte aufnimmt, muss jeder Buchstabe mit kraftvollem Schlag in das Band eingraviert werden. Es entsteht dabei eine Inschrift, die an Braille erinnert, jedoch lesbar ist.
Der Schreibvorgang geht deshalb sehr langsam voran und meine Wahrnehmung des geschilderten Geschehens im Text ist wie die eines Filmes in Zeitlupe. Die Vorgänge sind gedehnt und sehr intensiv, die Anteilnahme am Text erzwungen, gedankliches Abschweifen unmöglich.
Das beschriebene Band die Bibelabschrift fällt zu Boden und bildet einen Haufen, die Rolle wird kleiner.
Die Performance führe ich auf Einladung geeigneter Institutionen während ein bis zwei Arbeitswochen durch. Die Institution muss Öffentlichkeit haben und mir einen nicht allzu unruhigen Platz zur Verfügung stellen, an dem Menschen zirkulieren, mir zusehen können, mich unterbrechen können, ich aber auch arbeiten kann. Ich füge mich den entsprechenden Arbeitszeiten und werde vom Gastgeberort pauschal bezahlt.
Die Erfahrungen, die ich mache, sind sehr überraschend und aufwühlend, diejenigen der Menschen, die mich in ein Gespräch verwickeln vermutlich auch. Es geht immer um die grossen Fragen nach dem Leben, dem Tod, um Glaube, Gott, Sinn und Unsinn, alles Fragen, die grundsätzlich überfordern. Und um die Frage, was mit der Abschrift dereinst geschehen wird.
Die Gespräche notiere ich. An jedem Ort ensteht eine dokumentarische Aufnahme.
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